2. Teil – Einmal Abenteuer und zurück bitte

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Von Midden Zeeland nach La Baule Escoublac

Alles eingepackt, der Flugplatz Midden Zeeland hat einen eigenen Raum für die Flugvorbereitung, via PC und Internet haben wir unseren Flugplan nach Deauville aufgegeben. Also der Tagesplan steht: Erst entlang der belgischen Küste bis nach Frankreich, dann in Deauville (LFRG) tanken und heute noch weiter bis nach La Boule am Golf von Biscaya. Da ich schon in vielen Büchern über die unbeschreiblich schöne Landschaft der Normandie und Bretagne gelesen habe, bin ich aufgeregt was mich heute erwartet.

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Nach dem Start haben wir die Grenze überflogen, auf Wiedersehen Niederlande, hallo Belgien. Wir fliegen die Küstenlinie von Belgien entlang, vorbei an Oostende einer Hafenstadt an der belgischen Nordseeküste.

Slideshow: Durch Belgien über Dunkerque bis Calais

Belgien fliegt buchstäblich an uns vorbei und wir haben vor uns die Grenze von Frankreich die ganze Zeit im Visier. Vielleicht liegt es daran, dass Frankreich, in Fliegerkreisen, als kompliziert und anstrengend zu Fliegen gilt, die Franzosen würden nicht Funken, die Piloten sogar ignorieren und ihr englisch wäre fast nicht zu verstehen. Der Flug durch Belgien vergeht wie im Fluge 😉 und da war sie, voraus, die Grenze zu Frankreich. – Vive la france –

So ungewohnt und teils auch schwerverständlich, ich räume es an dieser Stelle ein, der Funk in Frankreich anfangs für uns ist, so ist es doch nicht auf die Franzosen, sondern eher auf uns, die zum ersten Mal durch französiche Luft fliegen, zurück zuführen, so erfordert es von uns doch höchste Konzentration.

Slideshow: Nord-Pas de Calais bis Normandie

Gleich hinter der Grenze liegt Dunkerque mit herbem Industriecharme, doch dann beginnt sie, schon bei Callais, die traumhafte Landschaft der Küste Frankreichs. In der Ferne, weit über den Ärmelkanal hinaus kann man sie sehen, die Kreidefelsen von Dover. Vor uns die Klippen der Côte d’Opale am Rande einer Landschaft aus Weiden und Feldern. Im Zeitraffer wechseln Wolken und Sonnenstrahlen. Es geht vorbei an le Touquet.

Beeindruckend ragt der Kreidefelsen in der Somme-Bucht bei Ault vor uns empor. Am Fuß der weißen Kreidefelsen schimmert der Ärmelkanal so blaugrün und die Côte d’Opale („Opalküste“) benannt nach dem grün, blau schimmernden Edelstein, erweckt den Anschein nach Südsee. In unserem kleinen Prinzen spüren wir den starken Wind nicht, nur unsere Instrumente geben darüber Aufschluss.

Für mich spiegeln die zahlreichen Beschreibungen, in all den Büchern, die ich gelesen habe, diese Landschaft nicht wieder, so dachte ich beim Lesen doch so oft, das übertrieben wurde, doch sie ist schöner als beschrieben.

So mag es sein, dass ich nie erträumt hätte, diese Landschaft an einem Stück mit einem kleinen Flugzeug zu überfliegen, dort einmal einen Vollkreis, eine Kurve zu fliegen, wo es doch so wunderschön ist, frei durch die Luft zu fliegen. Erst die Cote Opale, dann die Normandie, vor mir liegen die Klippen von Etretat an der Alabasterküste (Côte d’Albatre) und ich schaue zu ihnen hinab. Wie zu gern würde ich es besser in Worte fassen, was ich dabei fühle.

Slideshow: Vorbei Le Havre – Landung Deauville

Noch in Gedanken versunken, jedoch den Funk nicht ausser acht, geht es vorbei an le Havre, gerne hätte ich mehr Eindrücke von den baulichen Meisterleistungen aufgesogen, jedoch kommt jetzt unser erster Anflug auf einen französchischen Flugplatz, die Anpspannung wäschst, volle Konzentration, so schaffe ich nur beim vorbeifliegen einen kleinen Blick auf le Havre zu werfen, vor uns liegt Deauville.

Tanken ist unsere Aufgabe, das sollte nach gut zu verstehendem Funk und bester Landung doch nur eine Kleinigkeit sein. Angekommen im Büro, wird uns mitgeteilt, das wir nur mit Kreditkarte tanken können. Damit haben wir nicht gerechnet. Wir haben zwar eine Kreditkarte dabei, leider auf Grunde von zu seltener Benutzung, ist uns der PIN-Code entfallen, vor unserer Reise haben wir zwar einen neuen beantragt, dieser liegt uns aber noch nicht vor. Also improvisieren. Und wer ist Meister der Improvisation? Jörg.

Ich kann gar nicht so schnell gucken, da hat Jörg schon einen gut gekleideten Herren im Visier der aus einem Learjet gestiegen war und in unsere Richtung eilt. Er spricht ihn direkt an, ob er so freundlich wäre unsere Tankrechnung mit seiner Kreditkarte zu bezahlen. Ja, das würde er machen, also nichts wie los, Jörg winkt den Tankwagen ran, Tank voll, im Büro stellt sich raus, dass der Herr gerade mit seinem Piloten aus Südafrika zurück gekommen ist, wir tauschen Bargeld gegen eine Kreditkartenzahlung, vielen Dank. Die Reise kann weitergehen. Im Restaurant verspeisen wir auf die schnelle? Ein französische Baguette, schnell etwas getrunken, Toilette gefunden und Flugplan aufgegeben.

Slideshow: Ablug Deauville – Kurs auf Dinard

Dann wieder abgehoben, Kurs auf Dinard, wir wurden gebeten, die Kontrollzone über SD zu verlassen. Alles sah hier gleich aus. Kurskorrektur mit eingehendem Orientierungsverlust, Funk fiel aus. Funk wieder da. Und wir hörten den Controller: „You have to copy back, it is not an option.“ „We had problems with our radio.“

„Die Gefahr so groß sie auch ist, sie sich von Tag zu Tag verringert, denn jeder neue Flug trägt dazu bei, dennächst folgenden müheloser und sicherer zu gestalten.“ (Nachtflug, Antoine de Saint-Exupéry)

Von unserem Onkel Timmy, einem sehr guten Fliegerfreund, haben wir die Aufgabe mit bekommen ein Foto vom berühmten Klosterberg zu machen, also direkter Kurs auf Le Mont-Saint-Michel.

Le Mont-Saint-Michel

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Nach der Legende erschien 708 der Erzengel Michael dem Bischof Aubert von Avranches mit dem Auftrag zum Bau einer Kirche auf der Felseninsel. Aber der Bischof folgte auch der mehrfach wiederholten Aufforderung nicht, bis der Engel ihm mit seinem Finger ein Loch in den Schädel brannte.

Jetzt geht es für uns quer durch Frankeich, vorbei an Rennes Saint Jaques (LFRN) mit direktem Kurs auf „La Baule Escoublac“ (LFRE) in der Bretagne am Golf von Biscaya. Immer ab- und wieder anmelden im Funk, schon anstrengend, wenn man es noch nicht gewohnt ist. Immer wieder ein anderer Franzose mit anderem Akzent, genau hinhören, mitschreiben und wiederholen.

Langsam zog ich die Anflugkarten aus der Mappe, ich wollte, die Karten, die nicht mehr benötigen zusammen stecken, wir sind kurz vor la Baule, ich ziehe die Anflugkarte nach vorne. Leicht müde von der andauernden Konzentration und jetzt schon fast 4 Stunden Flugzeit, war ich plötzlich hell wach und das Adrenalin schoss durch meine Adern.

Die Haube unseres Flugzeuges hebt ab, meine Zettel fliegen durch den Spalt an meinem Fenster vorbei, ich kann den Boden sehen, tief atmen, ich klammere mich an die Haube, ich spüre wie mir die Farbe aus dem Gesicht weicht. Jörg greift nach hinten und zieht mit einer Hand, ein Seil zum Befestigen unseres Flugzeuges zu uns nach vorne. Ich halte mit beiden Händen die Haube fest. „Flieg das Flugzeug,“ ruft Jörg. Mein Herz ist in der Hose, mit einer Hand an der Haube, versuche ich mit der anderen Hand, das Flugzeug zu fliegen, ich verliere den Kurs, dann die Höhe. Die Lucke öffnet sich noch ein Stückchen. Jörg bewahrt einen kühlen Kopf.

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„Geh wieder auf Kurs und halte die Höhe.“ Jetzt klappt es. Jörg bindet am Abwurfhebel für die Lucke das Seil fest, zieht es unter unsere beiden Sitze durch und bindet es mit einer Lasche an sein Bein, so dass er jederzeit wider aufziehen kann. Es hält, ein kleiner Spalt bleibt offen, durch den ich den Boden sehen kann. Jörg übernimmt wieder das Flugzeug, ich kralle mich trotzdem weiterhin an der Lucke fest. Noch 7 Minuten bis La Baule.

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Wir fliegen La Baule an, Landebahn 11, plötzlich ändert der Tower die Landebahn auf 29. Also kein direkter Anflug, rein in die Platzrunde, Gegenanflug, Queranflug, Endteil. Wieso jetzt? Mein Arm schmerzt, so sehr kralle ich mich an der Haube fest. Wie war das noch mit Druck, Luft, Landung, hebt sie nochmal ab? Landebahn 29 –  gelandet.

Nach der Landung, rollen wir am Restaurant vorbei und stellen unseren Flieger neben den Fallschirmspringern ab. Nach genauer Inspektion unseres Fliegers stellt sich raus, dass die Haube nicht in der Führungsschiene eingerastet war. Jörg konnte den Fehler beheben, mein Held. 🙂

Slideshow: La Baule

Langsam kommt der Hunger zurück, im Restaurant gibt es leider nur Mittags warmes Essen, also setzen wir uns auf die Terrasse schauen den Fallschirmspringern zu, das Flugplatzbistro ist sehr gut besucht, ich trinke einen heißen Kakao, Jörg ein wohlverdientes Bier. Camping am Platz ist erlaubt. Wir stellen unser Zelt hinter den Flugzeughallen auf und machen uns in der Abendsonne auf unserem Gaskocher eine Gulaschsuppe heiß.

So schlafe ich mit schönsten landschaftlichen Eindrücken, der Frage, ob unser Flugzeug ohne Haube noch weiterfliegen kann und wie lange, in den Armen meines Helden ein.

Was für ein aufregender, schöner 2. Urlaubstag. Was uns wohl alles noch erwartet…

Weiter geht es im 3. Teil – Einmal Abenteuer und zurück bitte, ich hoffe es hat euch ein wenig Freude bereitet mit uns nach La Baule zu fliegen, bis auf bald …

Hier geht es zum 1. Teil – Einmal Abenteuer und zurück bitte
Von Rendsburg vorbei an Schiphol nach Midden Zeeland

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